Zeitzeugen

2004-2020

Die Quellen:

Teilausschnitt aus dem Programm der 19. Jahrestagung des Arbeitskreises für Psychologie und Psychologie mit dem Vortrag von Dr. Mike Jacob, M.A. (Quelle: Arbeitskreis für Psychologie und Psychosomatik)

„Die Bereitschaft zum Abweichen von der Routine in den normalen Prozessabläufen des Praxisalltags [...] stellt für den nicht psychologisch ausgebildeten Zahnarzt das entscheidende Frühwarnkriterium dar, denn sie ist seine Kernkompetenz, die er kennen sollte. Sonst kommt es zum Teufelskreislauf im Sinne der Double Bind Situation in Dentistry, oder kurz dem dental double bind.“

Vom zahnärztlichen Handwerk zur Dental Ethics - Dr. Dr. Mike Jacob, M.A. erzählt

von Dr. Dr. Mike Jacob, M.A.

„Integrated Practice in Dentistry“ – der Startschuss

„Zahnärztliche Akademie Karlsruhe, Nürnberger. Guten Morgen Herr Dr. Jacob. Ich habe eine gute Nachricht. Ein Interessent für den Master-Studiengang hat seine Anmeldung um ein Jahr verschoben. Wenn Sie möchten, können Sie nächstes Wochenende mit dem Studium beginnen.“ Mit diesen Worten begann für mich im Herbst 2004 ein neuer Lebensabschnitt, nicht mehr und nicht weniger.

Hierzu muss ich sagen, dass ich quasi der erste Vollzeitstudent im Rahmen des neuen Master Studienganges „Integrated Practice in Dentistry“ war und keine Vorleistungen an der Akademie einbringen konnte. Es war somit auch ein kleines Experiment, ob das umfangreiche, 2-jährige Programm des Studienganges neben dem regulären Praxisbetrieb und dem gewohnten Familienleben funktionieren kann.

Was mir vom ersten Moment an auffiel, waren die Art zu denken, die an der Akademie zu spüren war sowie der Freigeist, der dort herrschte. Man ging in einer offenen Atmosphäre miteinander um, so dass nie das in unserem Berufsstand typische Gefühl entstand, aus Vorsicht oder Berechnung werden Informationen zurückgehalten oder gefiltert weitergegeben. Und dies schließt die Teilnehmer wie die Dozenten des Master-Studienganges gleichermaßen mit ein.

Und vielleicht war es neben dem vielfältigen Erkenntnisgewinn auf fachlicher Ebene mit die wichtigste Erfahrung, dass man auch als Zahnarzt in den verschiedenen Gruppenarbeiten schneller zum Ziel kommt, als wenn man in gewohnter Manier glaubt, die Welt alleine retten zu müssen. Auf diesem Wege entstanden mit der Zeit und peu à peu viele kollegiale Verbindungen sowie Freundschaften, die bis heute andauern.

Prof. Dr. Winfried Walther und Dr. Mike Jacob im Gespräch (Quelle: Bildarchiv Akademie Karlsruhe)

Ein wegweisendes Gespräch mit Prof. Dr. Winfried Walther

Rückblickend betrachtet war wohl ein Gespräch für meine Biographie von  besonderer Bedeutung. Dies fand etwa in der Mitte des Masterstudiums statt. Eigentlich hatte ich vor, eine zahnmedizinisch quantitative Abschlussarbeit über Stegarbeiten durchzuführen, die ich in den vorangegangenen zehn Jahren in Folge meiner Homburger Studientradition angefertigt hatte. Hierfür hatte ich bereits begonnen, Daten zu sammeln. Doch es kam anders.

Zu dieser Zeit hatte ich nämlich einen prothetischen Fall, der nicht zu einem erfolgreichen Ende hatte gebracht werden können und der bereits begutachtet und von verschiedenen Kollegen bewertet worden war. Inzwischen stand damals auch eine juristische Klärung des Sachverhalts an. Wie es der Zufall wollte, hatten wir aber in den Wochen vor Festlegung des Themas zur Masterarbeit in verschiedenen Kursen ähnliche Fälle besprochen, in denen Behandlungen nicht das gewünschte Ende fanden, dabei aber keine Behandlungsfehler vorlagen, sondern insbesondere auch psychisch bedingte Fehladaptationen als Ursache angesehen konnten. Das war mir bis dato nicht klar gewesen, zumal in meinem eigenen Fall feststand, dass der Patient unter einem depressiven Syndrom mit Medikamentenabusus litt.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich in der Mittagspause eines Kurses dann zu Prof. Dr. Winfried Walther ging und mich traute, ihn mit dieser Geschichte anzusprechen. Erfreulicherweise war er interessiert und bot mir an, im Anschluss an den Kurs den Fall durchzusprechen. Als Ergebnis dieses knapp 2-stündigen Gesprächs hatte ich ein neues Thema als Masterarbeit. Die Betreuung für die wissenschaftliche Aufarbeitung des Falls, wofür ja eine qualitative Methodik notwendig wurde, übernahm dann Prof. Dr. Michael Dick.

Dr. Mike Jacob, M.A. erläutert den Double Bind in Dentistry (Quelle: Bildarchiv Akademie Karlsruhe)

Einstieg in die Welt der qualitativen Forschung

Nach vielen Interviews, ungezählten Stunden der Auswertung und vielen Rücksprachen mit Professor Dick und auch Professor Walther als Zweitkorrektor war es doch tatsächlich soweit, dass ein exemplarisches Ergebnis beschrieben werden konnte, das als Erklärungsmuster in der zahnmedizinischen Literatur bisher nicht zu finden war: der Double Bind in Dentistry.

Nach Abschluss des Studiums sorgte wieder Professor Walther dafür, dass ich das Thema öffentlich machen konnte, indem er mich an Frau Priv.-Doz. Dr. Anne Wolowski vermittelte, die mich für einen Vortrag über meine Masterarbeit im Rahmen der 2007er Jahrestagung des Arbeitskreises für Psychologie und Psychosomatik in der Zahnheilkunde einlud. Hieraus entwickelte sich im Anschluss meine erste Publikation in der DZZ gemeinsam mit den Professores Dick und Walther.

Netzwerke verbinden

Auch im Weiteren hatte meine Verbindung zur Akademie Bestand. Dies hatte nicht nur fachliche Gründe, sondern war sicherlich auch bedingt durch die vielen freundschaftlichen Verbindungen, die entstanden waren in einem Kreis von Menschen, die, um es schnell aber treffend auszudrücken, einen ähnlichen „Spirit“ hatten.

Unvergessen bleibt mir auch ein Treffen gemeinsam mit Prof. Winfried Walther und meinem Studienkollegen Dr. Martin Honig an einem sonnigen Samstagmittag auf der Gitterrostwendeltreppe zur Saarbrücker Eislaufhalle, im Anschluss an eine QM Messe in der Saarlandhalle. Dabei diskutierten wir eine dreiviertel Stunde die Möglichkeiten zur Gründung eines Vereins der Absolventen des Masterstudienganges.  GRÜNDUNG DES MASTERNETZWERKS

Prof. Dr. Winfried Marotzki und Prof. Dr. Michael Dick (Quelle: Bildarchiv Akademie Karlsruhe)

Der Misserfolg im Mittelpunkt – Forschung und Vorträge

Da Prof. Dr. Winfried Marotzki, seinerzeit Dekan an der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften, meine Studienleistungen im Sinne von Credits nach Bologna als sozialwissenschaftliches Nebenstudium errechnen konnte, wurde zwischenzeitlich die Möglichkeit einer geisteswissenschaftlichen Dissertation Realität. Prof. Dr. Michael Dick hatte mir hierzu den Vorschlag unterbreitet, eine größere Fallzahl an Misserfolgen verschiedener Zahnärzte zu untersuchen, um aufbauend auf meine Masterarbeit allgemeine Bedingungen des professionellen Misserfolgs herauszuarbeiten.

Im Verlaufe der 5-jährigen Promotionszeit bekam ich von Prof. Dr. Winfried Walther immer wieder die Möglichkeit, im Rahmen von Tagungen oder Kursen Ergebnisse aus dieser Studie vorzustellen. Insbesondere boten sich hier die Gutachter-Update-Kurse an, in denen ich theoretisches Grundlagenwissen zum zahnärztlichen Misserfolg vorstellen oder Beispielfälle erläutern konnte.

Die Schauspieltruppe: Dr. Martin Honig, M.A., ZFA Patrizia LaPlaca und Laienschauspieler Jürgen Bollbach (Quelle: Bildarchiv Akademie Karlsruhe)

Baden Baden 2013 – die Herbsttagung wird zur Schauspielbühne

Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang einen Vortragsbeitrag zum Misserfolg, den ich im Rahmen der Herbsttagung 2013 in Baden Baden gestalten durfte. Hierzu hatte ich mich explizit als Drehbuchautor und Regisseur eines Bühnenstücks verdingt, in dem ich mit einer Schauspieltruppe dem Auditorium einen komplexen Misserfolgsfall näherbringen konnte. Es wirkten damals mit:

  • mein bereits erwähnter Studienkollege Dr. Martin Honig, M.A., der im Rollenspiel den überforderten Zahnarzt spielte
  • meine ZFA Patrizia LaPlaca, die eine Helferin mit Näschen für den Fall präsentierte
  • der saarländische Laienschauspieler Jürgen Bollbach, der einen gestressten Hotelmanager als den schwierigen Patient markierte.

Das Feedback eines Tagungsteilnehmers beschreibt die Reaktionen im Anschluss treffend: „die Fälle im Keller, die ich bisher nicht verstanden hatte, kann ich jetzt endlich in ein Regal einsortieren.“

Poster zur Publikation mit Prof. Dr. Winfried Walther (Quelle: Dr. Dr. Mike Jacob, M.A.)

Dental Ethics an der Akademie

Zwischenzeitlich hatte ich begonnen, die von mir ins Fadenkreuz genommene Forschungsthematik in einem verwandten Bezugsrahmen zu betrachten: Dental Ethics – Ethik in der Zahnmedizin. Im Laufe der folgenden Jahre kam es dabei im Rahmen mehrerer Publikationen zu einer häufigeren Zusammenarbeit mit dem Vorsitzenden des Arbeitskreises Ethik der DGZMK, Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß. Und wie mir Professor Groß einmal erzählte, war er früher seinerseits Student in den Vorlesungen von Professor Walther. An dieser Stelle schließt sich der Kreis.

Als wissenschaftliche Highlights konnte ich 2017 in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Michael Dick und 2018 mit Prof. Dr. Winfried Walther zwei wissenschaftliche Artikel in der IF gerankten Zeitschrift „Ethik in der Medizin“ publizieren. Dabei ging es einerseits um die Einführung von Triadeninterviews in der Zahnmedizin zur Aufarbeitung ethischer Dilemmafälle und andererseits um die Notwendigkeit institutioneller Strukturen in der Lehre von Dental Ethics. DEM MISSERFOLG AUF DER SPUR

Vorläufiger Höhepunkt meiner Referententätigkeit an der Zahnärztlichen Akademie hätte nun ein Vortrag auf der Frühjahrstagung 2020 in Baden Baden werden sollen. Der Titel lautete: „Der unlösbare Fall – warum Ethik in der Zahnheilkunde wichtig ist“. Leider kam es aus den bekannten Gründen anders und die Konferenz musste eine Woche vorher aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben und ein neuer Termin ist bereits in Planung.

 

Resümee

Ich habe durch meinen Kontakt zur Akademie in Karlsruhe jedenfalls einen Weg eingeschlagen, der ohne das Zusammenkommen der nur hier vorzufindenden Faktoren weder denkbar noch möglich gewesen wäre.

Somit verbleibe ich in tiefer Verbundenheit und Dankbarkeit zur Akademie und wünsche ihr zum 100-jährigen Jubiläum, auch für die nächsten 100 Jahre „DER“ Ort zahnmedizinisch professioneller Innovation zu bleiben.

Herzliche Geburtstagsgrüße, Mike Jacob

 

Weitere Informationen:

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