Walther-Engel-Preis - für eine bessere Zahnheilkunde

2019

Die Quellen:

Fortbildungsprogramm 2020 - Curriculum Zahnärztliche Chirurgie und orale Medizin für Zahnärztinnen

„Es hat das Ziel, den Teilnehmerinnen Sicherheit in der zahnärztlichen Chirurgie zu vermitteln. Dies gilt sowohl für die klassischen dentoalveolären Eingriffe der Oralchirurgie wie auch für die zahnärztliche Implantologie.“

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Gezielte Förderungen für Zahnärztinnen in der zahnärztlichen Chirurgie - ein Pilotprojekt an der Akademie

von Prof. Dr. Margrit-Ann Geibel
2017 Oralchirurgie - Basiskurs (Quelle: Bildarchiv Akademie Karlsruhe)

Wie alles begann

In Gesprächen mit den Studentinnen und Kolleginnen in der zahnärztlichen Praxis reifte die Idee, ein spezielles chirurgisches Basistraining für Zahnärztinnen anzubieten. Der Fokus sollte auf einem sehr praxisnahen Kurs liegen, der spezifischen Fragen von Kolleginnen genügend Raum lässt. Birgit Dohlus von der neu gegründeten „Dentista“ fand diese Idee „hervorragend“ und unterstützte sie tatkräftig. Im Herbst 2009 fand im Kloster Wiblingen in Ulm das erste zweitägige chirurgische Basistraining statt. 12 Kolleginnen aus ganz Deutschland kamen ins Kloster. Um diesen Kurs als gezieltes Training für alle chirurgischen Basisdisziplinen der zahnärztlichen Chirurgie für die Kolleginnen anbieten zu können, galt es zunächst, in einer Befragung Ziele und Mehrwert zu ergründen und zu bewerten.

Die Begeisterung der Teilnehmerinnen war groß und die Frage: „Wie machen wir weiter?“ begleitete mich wie ein roter Faden über die Jahre hinweg.

Mit der positiven Evaluation des ersten Chirurgie-Kurses für Zahnärztinnen im Kloster Wiblingen ausgestattet, wendete ich mich an Prof. Walther von der Zahnärztlichen Akademie in Karlsruhe mit der Bitte, dieses Weiterbildungsangebot in das Programm der Akademie aufzunehmen.

Die Freude über seine Zusage war nicht nur bei mir groß. Den ersten ausgebuchten Kurs in Karlsruhe begleitete auch die „Dentista“ mit ihrer Gründerin Birgit Dohlus.

Das Kurskonzept ist praxisorientiert. Den Teilnehmerinnen wird die Möglichkeit geboten, eigene Patientenfälle vorzustellen, sowie Schwierigkeiten und Erfahrungen bei chirurgischen Interventionen mit der Referentin zu besprechen. Inhalte des Basiskurses sind: grundlegende zahnärztlich-chirurgische Themen wie zum Beispiel Extraktionstechniken, Schnittführungen, Nahtübungen und Komplikationsmanagement. Chirurgische Kenntnisse können durch praktische Übungen am Schweinekiefer vertieft werden. Im Aufbaukurs werden zunächst im Theorieteil zahnärztlich-chirurgisch relevante Themen wie Kronenverlängerungen, Lippenbändchenexcisionen, unterschiedliche Lappentechniken und Schnittführungen in der Parodontalchirurgie besprochen und anschließend praktisch geübt. Durch die bewusst gering gehaltene Anzahl von maximal 12 Teilnehmerinnen pro Kurs kann auf persönliche Fragen und Bedürfnisse der Zahnärztinnen bei chirurgischen Eingriffen in der Praxis individuell eingegangen werden.

Insgesamt beteiligten sich an der Befragung 89 Kursteilnehmerinnen im Alter von 27 bis 53 Jahren. Der Durchschnitt an Berufsjahren liegt innerhalb der Teilnehmerinnen bei 10,9 Jahren- Über die Hälfte nahm zum ersten Mal an einer chirurgischen Fortbildung teil.

In einer Dissertation untersuchte meine Doktorandin Miriam Meyer die Kursteilnehmerinnen des chirurgischen Trainings  nach ihren Erfahrungen und der Sicherheit beim Operieren nach dem Besuch der chirurgischen Weiterbildungen.

Sicherheit bei zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen vor und nach dem Training im Vergleich bei den teilnehmenden Zahnärztinnen der monoedukativen Kurse zum Thema zahnärztliche Chirurgie (2011-2012)

Schwerpunkt Sicherheit

Ein besonders bemerkenswertes Befragungsergebnis war die Feststellung, dass die Hälfte der Kursteilnehmerinnen während des Studiums nur drei oder mehr Eingriffe durchgeführt hat und während einer Famulatur außerhalb des Studiums nur ein Drittel chirurgische Eingriffe praktizierte. Keine der Zahnärztinnen absolvierte eine Spezialisierung zum Fachzahnarzt für Kieferorthopädie oder Oralchirurgie. Jedoch sind ein Drittel der Befragten in eigener Praxis niedergelassen, zwei Drittel arbeiten im Angestelltenverhältnis.

Die Sicherheit bei zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen stellte sich in der Befragung als ein Kernthema heraus. Bei der Durchführung von Extraktionen, Wurzelspitzenresektionen und bei parodontalchirurgischen Interventionen konnte in einer Skala von 1 bis 6 („Ich fühle mich sehr sicher“ bis „Ich fühle mich sehr unsicher“) bewertet werden. Auffällig ist, dass vor dem Kurs von keiner Zahnärztin „Sehr sicher“ angegeben wurde.

Warum buchen Zahnärztinnen den monoedukativen Chirurgie-Kurs an der Akademie? Im Rahmen der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Pilotprojektes wurden an die Teilnehmerinnen vier Fragen über monoedukatives Lernen gestellt.

Frage 1 „Warum ist Ihnen ein monoedukativer Kurs wichtig?“Die Mehrheit der Teilnehmerinnen und damit 81% (n=47) bevorzugen einen reinen Frauenkurs. Gründe dafür sind unter anderem eine angenehme Atmosphäre mit viel Offenheit und Ehrlichkeit, empfundene Sicherheit und weniger Hemmungen, Fragen zu stellen.

Frage 2 „Warum haben Sie sich für diesen Kurs entschieden?“  In erster Linie wollen die Teilnehmerinnen chirurgische Grundkenntnisse vertiefen und äußern wiederholt den Willen nach mehr Sicherheit und den Abbau von Angst bei chirurgischen Eingriffen. Viele der Zahnärztinnen entschieden sich aber auch für diesen Kurs, da er nur für Frauen angeboten wird und sie die Vorteile eines monoedukativen Kurses schätzen. Empfehlungen von Kollegen und die Teilnahme an Kursen bei der Dozentin in der Vergangenheit wurden als weitere Argumente aufgezählt.

Frage 3 „Welche Vorteile versprechen Sie sich von diesem Kurs?“ Viele unterschiedliche Vorzüge werden im Kurs gesehen. Zum Beispiel die bewusst klein gehaltene Gruppengröße und die dadurch gegebene Möglichkeit einer individuellen Betreuung beim praktischen Teil sowie ausreichend Zeit für Diskussionen und für offene und ehrliche Fragerunden. Das Ausprobieren von neuen Instrumenten am Tierpräparat, unbefangenes Arbeiten frei von Konkurrenz und Druck in lockerer Atmosphäre. Als weitere Pluspunkte werden genannt: Das Offenlegen von Schwierigkeiten und der rege Austausch von Tipps und Tricks.

Frage 4 „Welche Erwartungen haben Sie an den praktischen Chirurgie-Kurs? Mehr Sicherheit, Routine, Angstabbau und dadurch mehr Freude und Erfolg bei chirurgischen Interventionen wünschen sich beinahe alle Kursteilnehmerinnen. Daneben werden auch die Durchführung von praktischen Übungen genannt, die mit effektivem Lernen in Verbindung gebracht werden. Des Weiteren sollen Strategien trainiert werden, die Behandlungsabläufe einfacher machen und den Teilnehmerinnen Mut und Motivation geben, chirurgische Behandlungen am Patienten durchzuführen.

Nachhaltigkeit der Kurse

Eine frauenspezifische Förderung durch monoedukative Kurse im Fach Oralchirurgie wird insgesamt sehr positiv bewertet. Insgesamt wollen 98,3% (n=57) der Zahnärztinnen, die den praktischen Chirurgiekurs absolviert haben, in Zukunft erneut einen monoedukativen Kurs besuchen. Auch ist eine signifikante Zunahme der Sicherheit bei chirurgischen Eingriffen nach dem Kurs zu verzeichnen. Durch die Erweiterung des theoretischen Wissens, haben die Teilnehmerinnen mehr Engagement, in Zukunft chirurgische Interventionen in der Praxis durchzuführen. In einer weiteren Dissertation über die Nachhaltigkeit der Chirurgiekurse an der Akademie im Jahr 2018 konnten diese positiven Ergebnisse von meinem Doktoranden David Möller in einer empirischen Auswertung bestätigt werden.

2018 Oralchirurgie - Basiskurs (Quelle: Bildarchiv Akademie Karlsruhe)

Akademie etabliert Pilotprojekt als Curriculum  

Ich bin der Akademie und vor allem Prof. Walther sehr dankbar, dass er dieser Pilotidee den Weg geebnet hat und mir die Chance gab, dieses Weiterbildungskonzept an der Akademie zu vertiefen. Mit Prof. Walther, dem Leiter der Akademie, fand ich einen unermüdlichen Mitstreiter. Seit 2012 wird an der Akademie das Curriculum „Zahnärztliche Chirurgie und Orale Medizin für Zahnärztinnen“ erfolgreich angeboten. Erweitert wurde das Spektrum mit  der  Implantologie und der Oralen Medizin.

Für meine monoedukativen chirurgischen  Kurse wurde mir im Jahr 2018 der Senior Award für Excellence in Gender Dentistry der GDI (Gender Dentistry International) von der Präsidentin PD Dr. Dr. Christiane Gleissner verliehen.

2019 wurde ich von der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg für die Entwicklung und die wissenschaftliche Betreuung der Chirurgie Kurse für Zahnärztinnen mit dem Walther-Engel-Preis ausgezeichnet. Der damit verbundene Forschungsaufenthalt in Kanada an der Universität Toronto auf Einladung von Prof. Limor Avivi-Arber war ein unvergessliches Erlebnis und führte zu einer wissenschaftlichen Kooperation mit dieser engagierten Kollegin.

Als wissenschaftliche Leiterin der ARGE für Gender Specific Oral Health (GSOH) der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ÖGZMK) war es mir möglich, Prof. Limor Avivi-Arber auch auf die erste Europäische Gender Dentistry Tagung im Rahmen des Österreichischen Zahnärzte Kongresses nach Wien einzuladen.

 

Weitere Informationen:

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